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NARRENSPIELE GEDANKENSKIZZEN ZU REGIE, BÜHNE UND KOSTÜMEN NARR = positiv: Das Kind, Staunen, Offenheit, Neubeginn, Lebendigkeit, Spontanität, Vorurteilslosigkeit, Neugier, Weisheit des Narren, negativ: Laienhaftigkeit ,Verantwortungslosigkeit, Chaos, Torheit, Versagen, Blamage (Hajo Banzhaf) „...Nie zuvor sind wir so unfrei gewesen wie heute, obwohl unsere Freiheit scheinbar grenzenlos ist. Wir können kaufen, was wir wollen, ins Bett gehen, mit wem wir wollen, haben die Auswahl zwischen Dutzenden von Automodellen und Zahnpastasorten, zwischen Handys mit oder ohne Kamera, und so weiter und so fort. Und doch gibt es keine Freiheit mehr, jedenfalls nicht die Freiheit zu sein, wer man ist. Denn alles ist bereits vorgesehen, alles ist geregelt, und auszuscheren ist nicht leicht und führt zu Konflikten. Überleg mal, wie viele Menschen aus dem System hinaus und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, weil sie nicht ins vorgefertigte Modell passen! Warum tun sie nicht einfach etwas anderes? Doch nein, das geht nicht. Es gibt nur diesen allgegenwärtigen Sog des Marktes. Der Mensch von heute ist der Wirtschaft hörig. Sein ganzes Leben ist von ihr beherrscht... Durch das perverse System des Konsumismus dreht sich unser ganzes Leben um Spiel, Sport, Essen, Vergnügen. Daraus heißt es auszubrechen, aus diesem Teufelskreis, in dem es nur um mehr, mehr, mehr geht, der dir vollkommen absurde Verhaltensweisen aufnötigt. Viele Dinge brauchst du eigentlich gar nicht, doch der Konsumismus verführt dich dazu, sie zu wollen. Unser ganzes Leben hängt von diesem Mechanismus ab....“ Tiziano Terzani, „Das Ende ist mein Anfang“ DIE GESELLSCHAFT Die NARRENGESELLSCHAFT, Mitläufer, Nachahmer, Nachläufer, Anhänger Menschen, die sich selbst im Anderen suchen. Die sich durch Geld, Macht und Propaganda das Gehirn waschen und amputieren lassen. Ausgezehrt und blass ahmen sie ihr „Idol“ nach und bejubeln es. Sie sind nicht eigenständig lebensfähig, haben auch keine Verantwortung dem Leben gegenüber. Das Individuum „Mensch“ gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch die „Masse“. Alle werden zu einer Einheit. Was der andere hat, „braucht“ man auch. Der Materialismus beherrscht die Welt. „...Ich mag den einfachen Menschen, der noch Kontakt zur Natur hat. Der ist ein echter Mensch. Die Leute in unseren Städten aber, die in klimatisierten Kästen zur Welt kommen und in klimatisierten Kästen arbeiten, die immer nur von einem Kasten in den anderen wechseln und täglich vom Gift des Fernsehens berieselt werden – sind das noch Menschen? Manche haben noch nie eine Ameise gesehen! Was ist von denen schon groß zu erwarten? Dieser moderne Mensch ist eine Null, ein x beliebiger Idiot, dem du sagen musst, er solle sich anständig betragen und nicht töten. Drückst du ihm aber eines Tages ein Gewehr in die Hand und sagst: „Jetzt bring mal hunderttausend um!“, dann tut er es und freut sich sogar noch darüber. So jemand ist doch kein Mensch! ... Er hat seine Unabhängigkeit verloren. Er denkt nicht mehr nach... Das sind doch keine Menschen, das sind Roboter. Alle tragen die gleiche Kleidung, alle sagen dieselben Sachen. Oder das Gegenteil davon, was auch wieder dasselbe ist... Sie fragen nicht mehr, wer sie sind! Sie denken, was sie ausmacht, ist der Anzug von Armani oder das neue Motorrad... Sie kommen gar nicht dazu... Zerstreut von den Zerstreuungen, die sie zerstreuen....“ Tiziano Terzani, „Das Ende ist mein Anfang“ Die charakterschwache „Narrengesellschaft“ baut sich ihr eigenes Gefängnis. Der Weg nach „draußen“ wäre offen, doch keiner wagt den Schritt. Zu stark imponieren Geld und Macht und die Bequemlichkeit, nicht selbstständig denken zu müssen. Die Propaganda der Führung funktioniert. „Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.“ (Adolf Hitler, „Mein Kampf“) Jeder versucht in der Hierarchie aufzusteigen, höhere Positionen an der Seite des Idols einzunehmen und in der Gunst zu steigen. Viele wagen den Schritt zu weit, stürzen ab und scheitern, sehr zur Freude der übrigen. Menschliches Miteinander, was ist das? Die Qual des einen ist das Ergötzen und der Genuss des anderen (siehe DSDS, Dschungelcamp). Ansonsten birgt das Leben nur noch Langeweile, schließlich ist der „NARR“ längst überfüttert. Erst wenn die eigene Schmerzgrenze erreicht wird, ist ein Erwachen möglich. Dann allerdings ist es zu spät. Die NARREN-Menschen sind voll im Kreislauf des Machtkomplexes. Die, die sich auflehnen, werden vernichtet. Also wird weiter intrigiert und um die Gunst gebuhlt. Ein Außenseiter, ein Andersartiger, ein Mensch einer anderen Rasse, der auch noch schwach und labil ist, wird zum Spielball der Gesellschaft, er dient zur Belustigung. Wenn er, wie Rigoletto durch seine Späße auf den Rücken anderer, die hohe Gunst des „Führers“ besitzt, wird nach Rache geschrieen. Die Gesellschaft wird zum „Gefolge“. Sie nährt den „Herzog“ mit Energie und Macht. Die Oberflächlichkeit des Lebens und ihre hirnlose Abhängigkeit hat ihre Mitglieder zu „gefährlichen Toren“ gemacht. DER HERZOG Ein Kasperl, ein Clown, ein Schauspieler. Ein verwöhntes Kind, das gerne spielt und immer alles bekommen hat, was es sich in den Kopf gesetzt hat. Der naive, fröhliche NARR, der lustig und bunt durchs Leben tanzt und nichts und niemanden um sich herum sieht, außer sich selbst. Aber gerade deshalb ist er auch äußerst gefährlich. Was ihm im Weg ist, räumt er zur Seite. Hier darf nur leben, wer „mitlebt“, wer „mitmacht“ und des Herzogs Rad am Laufen hält. Völlig von sich überzeugt, besitzt er eine fantastisch positive Lebenseinstellung, die ihn letztendlich sogar vor Unglück schützt. Er entkommt dem Mordanschlag, den er nicht einmal bemerkt. Geld, Macht und Titel unterstützen seine Ausstrahlung und seine flatterhaft, schillernde Persönlichkeit, die ihn zum obersten Herrscher, zum Führer und Guru (in seiner negativen Bedeutung) machen. Er versteht es, die Masse zu bewegen, sie in Bann und Abhängigkeit zu halten, ohne dass die Individuen zu ihrer Eigenständigkeit zurückfinden. „Es geht darum, den Empfänger ganz mit den Ideen der Propaganda zu durchtränken, ohne dass er überhaupt merkt, dass er durchtränkt wird.“ (Joseph Goebbels, Spiegel 08/1) Er ist Diktator, er ist Tyrann, er ist ein Vampir. Er lebt von der Energie seiner Anhänger, seine Jugend und Kraft holt er sich aus der Unschuld blutjunger Mädchen. Die Lebendigkeit, die er sich aus den Körpern der Mädchen saugt und die absolute Hörigkeit, die ihm von seinen Anhängern entgegengebracht wird, geben ihm Lebenskraft, Ausstrahlung und Feuer!! Wie ein Schauspieler, ein Star setzt er sich ständig in Szene und bringt seine Umwelt um den Verstand. Er betreibt einen wahren Körperkult. Das Äußere, die MASKE wird regelrecht zelebriert. Die Masse himmelt ihn an, lässt sich verführen, wird gefügig. Feinde, Aussteiger werden vernichtet. Alles gehört ihm oder hat ihm zu gehören. „Verbotenes“ erzeugt Gier und Verlangen. Ohne ständige Ablenkung tritt Langeweile ein. Denn je mehr der Geist des Menschen abstirbt, desto exzessiver und animalischer braucht er Beschäftigung. Dafür ist Rigoletto zuständig. „La donna e`mobile“! Der Herzog singt von den unbeständigen, trügerischen Frauenherzen. Es ist sein „Schlager“, mit dem er im Grunde nur sich selbst beschreibt. An eine feste Beziehung, an die Tiefe der Liebe wagt er sich nicht. Sein Leben besteht aus „Oberflächlichkeit“. Er hat Angst vor Tiefe. Er hat auch Angst vor der „reifen Frau“. Sie wäre ihm überlegen!!! RIGOLETTO Der „NARR“, der versucht, ein anderes Leben zu leben als das seine. Der seine eigene Wahrheit aus Schwäche leugnet, um von den anderen aufgenommen zu werden und um zu überleben. Er spielt den Clown, den Animateur, den NARREN. MASKE und Verkleidung werden zu seiner Lebensaufgabe. Er sieht darin Schutz, doch auf dem Weg des NARREN werden sie zum Fluch. Er gehört nicht dazu. Seine Herkunft, sein Stand, seine Religion, seine Traditionen entsprechen nicht denen der Gesellschaft um den Herzog. Im Inneren ist er jemand anderes, versucht aber gerade dadurch im Äußeren nicht aufzufallen. Er hängt sich an seinen Brotherren und tut alles, um ihm zu gefallen, um dazuzugehören und um weiterhin in dessen Gunst zu stehen. Es ist ein harter Überlebenskampf. Dabei geht er bis an die Grenze der Perversion und der Geschmacklosigkeit, was das gelangweilte, vom Übermaß übersättigte Volk (solange keiner selbst der Leidtragende ist) amüsiert. Je mehr er auftrumpft und in der Gunst steigt, desto mehr hasst er den Herzog und gleichzeitig sich selbst. Auch vor seiner Tochter zeigt er sich nicht in seiner wahren Persönlichkeit. Über dem Privatleben schwebt das Damoklesschwert der Aufklärung, welche er verbissen zu verhindern sucht. In seiner Unbeholfenheit versucht er Gilda in einer Scheinwelt aufwachsen zu lassen. Ihre Unschuld, ihr Kindsein will er mit aller Macht erhalten und gibt ihr kaum Raum zu atmen und sich zu entfalten. Er liebt seine Tochter. Er braucht sie, weil sie ihm einen Lebenssinn gibt. Das, was er selbst nicht leben kann, weil er zu schwach ist, will er mit aller Macht durch sie leben. So wie beim Herzog der Rausch der Perversion gelebt wird, zwängt er das Leben Gildas in einen Zustand übertriebener Bigotterie. Er lässt sie nicht erwachsen werden und bekämpft jedes aufkeimende Gefühl von „Frau sein“ in ihr. Sie lebt in der Welt, die Rigoletto für sie kreiert hat. Immer in Angst davor, in seiner wahren Gestalt und Gesinnung entdeckt zu werden, versucht er dem Leben hinterherzulaufen. Seine Verkleidung wird zur Last, zur Bürde, welche ihn immer mehr in die Knie zwingt und schließlich seine letzte Lebendigkeit fordert, nämlich Gilda. Sein Pessimismus zieht mehr und mehr das Negative an sich. Die Angst vor dem Fluch lässt diesen größer und größer werden, bis er schließlich Wirklichkeit wird. Wie ein Wahn nimmt die Angst Rigoletto gefangen, die Angst verflucht zu sein, die Angst seine Tochter zu verlieren, die Angst vor sich selbst, vor seinem Scheinleben und seiner Lebensunfähigkeit. Der Fluch durch einen geschändeten Vater nimmt die Form eines Dämons an. Es ist sein eigener Dämon. Jetzt wird dieser Dämon zur Leitfigur. Er ist es selbst, vor dem er flieht. Der Vater und er: Sie werden eins. Statt das Leben zu ändern, sich selbst zu leben, sich selbst zu bekämpfen, versucht er den Dämon im Äußeren anzugreifen. Rache! Rache an seiner eigenen Unfähigkeit! Rache an seiner Unfreiheit! Die Rache gibt ihm Kraft, sie gibt ihm plötzlich Lebendigkeit und verwirrte Klarheit. Dennoch bleibt er der Drückeberger und Untergebene. Die Rache auszuführen, um Freiheit zu erlangen, überlässt er einem anderen und begibt sich dabei schon wieder in Abhängigkeit. Er lässt reagieren! Er lässt morden und mordet sich letztendlich selbst. GILDA Das unschuldige Kind, unverdorben und lebensfroh, gutgläubig und naiv (= NARR in seiner positiven Form). Neugierig steht sie der großen Welt gegenüber, doch der Vater verhindert jede Möglichkeit, diese zu erforschen. Um den Vater nicht zu kränken, bleibt sie in der Rolle des Kindes, reglos verharrt sie in ihrem kleinen Gefängnis und vertraut ganz auf die glückliche Führung der toten Mutter. Doch kaum öffnet sich der Schleier zur Welt, so erschüttert das Neue und Lebendige ihre Natur und fesselt sie. Sie trifft auf den lebenslustigen, optimistischen Herzog, wo sie doch nur die pessimistische, grüblerische Art des Vaters gewohnt ist. Auch wenn Rigoletto es zu verbergen sucht, spürt sie die vielen Ängste, die ihn treiben und bekommt trotz aller Fragen keine Antwort. Halt und Geborgenheit sucht sie, doch der in seinem Leben immer wieder gestrauchelte Mann ist unfähig sie ihr zu geben. Er will ihre Kindheit, ihre Unschuld festhalten, doch gleichzeitig braucht er sie als Mutter und Beschützerin. Sie ist es, die immer wieder versucht zu beruhigen, zu besänftigen mit all ihrem Wissen, aus dem sie selbst Hoffnung schöpft. Ihr tiefer Glaube gibt ihr Kräfte bis über den Tod hinaus. Rigoletto verkörpert Weltschmerz und Trübsinn. Der Herzog dagegen versprüht Lebenslust. Rigoletto hält sie in der Starre, lässt sie hinter einer MASKE leben, die „Kind sein“ und „Reinheit“ bedeutet. Der Herzog entzündet in ihr ein neues Gefühl: Das Aufblühen als Frau, als begehrtes, eigenständiges, reifes Wesen. Sie empfindet „Lebendigkeit“. Die Welt in ihrer Vielschichtigkeit ist ihr fremd und birgt für sie keinen Halt. Der Boden unter ihren Füssen gibt nach, sie fliegt dahin und lässt sich in dem Traum, der in ihr geweckt wurde, treiben. Sie will leben, geliebt werden und glücklich sein. Doch niemand fängt sie auf, versteht sie, gibt ihr Halt. Auf das „Neue“ war sie noch nicht vorbereitet, es erschlägt sie fast. Die Erwachsenenwelt um sie herum ist ausgedörrt und dunkel. Rigoletto, voller Hass und Rachegelüste, lebt in seiner eigenen Welt und nimmt ihren Hilfeschrei nicht wahr. Giovanna verrät sie, weil sie sich selbst blenden ließ und lässt sie allein. Gilda sieht zuletzt keinen Ausweg mehr im Leben. In dem zu eng gewordenen Schoß des Vaters kann sie, jetzt als „Frau“, nicht mehr zurückkehren. Sie kann nicht wieder „Kind“ sein. Wohin also? Die neue Welt, das neue Lebensgefühl überfordern sie, sie kann damit noch nicht umgehen. Sie bräuchte Halt, doch keiner ist da. Auch den Herzog gibt es nicht mehr. Ihre Träume sollen schnell und radikal mit Hilfe Rigolettos Aufklärungskur vernichtet werden. Doch das ist ein weiterer Realitätsschock. Sie wurde aus dem „Kinderlaufstall“ herausgehoben und schwebt nun haltlos in der Luft! Aus Dankbarkeit für diesen wunderbaren Augenblick von Lebensglück, den sie durch ihren ersten Liebhaber erleben durfte, „opfert“ sich Gilda für ihn. Wie ein NARR vergisst sie sich selbst, ihre eigene Stärke und ihre eigene Lebendigkeit. Sie ist unfähig selbst zu leben. Sie hat es auch nie gelernt. SPARAFUCILE Er lebt von den NARREN. Wie ein aasiger Wurm haust er im Fundament der NARRENGESELLSCHAFT und trägt seinen wesentlichen Beitrag zur schleichenden Morbidität bei. Er ist Paparazzo, Journalist, Kritiker – Er gehört zu der Sorte, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Skandale, Schlagzeilen, reißerische Ergüsse geben Profit und sind weit einträchtiger als ehrliche Recherchen, Hintergrundwissen und absolute Wahrheitsfindung. Er befriedigt die Gier der Überdrüssigen. Er ist Zuhälter und Mörder, ob durchs Papier oder durchs Messer ist nur eine Frage der Gage. Auch sein Leben bewegt sich hinter einer undurchsichtigen MASKE. Er ist die Versuchung, die sich in vielen Formen zeigt! „...’Der wahre Guru ist der, der in dir ist, hier’, und er legte seinen knöchernen Finger auf meine Brust. ‚Da ist alles drin. Suche nicht außerhalb von dir. Alles, was du außerhalb finden kannst, ist seinem Wesen nach wandelbar, unbeständig. Du kannst dir vormachen, Halt im Reichtum zu finden – doch der zerrinnt. Du kannst darauf vertrauen, Halt in der Liebe eines Menschen zu finden – doch er verlässt dich eines Tages. Oder in der Macht, die aber leicht in andere Hände überwechselt. Du kannst dein Leben in die Hände eines Gurus legen – doch dann stirbt er. Nein, nichts was außerhalb deiner selbst liegt, wird dir je die Erfüllung schenken. Die einzige Stabilität, die dir wirklich helfen kann, ist die Innere. Und Gurus, die sich unentbehrlich machen, dienen nur ihrem eigenen Ich – nicht der Entwicklung ihrer Schüler.’...“ („Der Alte“ im Himalaya aus: “Noch eine Runde auf dem Karussell“, Tiziano Terzani) |