English

DON CARLOS



„Jeder Mensch hat Anspruch auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht umfasst die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Überzeugung allein oder in Gemeinschaft mit anderen in der Öffentlichkeit oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Vollziehung eines Ritus zu bekunden.“
(Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UNO)

Die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit - ein elementares Grund- und Menschenrecht! Doch Geschichte, wie auch Aktualität zeigen, dass diese Aussage oft weit von der Realität entfernt liegt. Was ist der eigentliche und tiefere Sinn einer Religion?  Leider gab und gibt es immer wieder aggressive wie totalitäre Bewegungen, die sich in der Offensive befinden. Durch die Überzeugung, dass die „moderne Welt“ in ihren Grundfesten korrupt ist und neu geformt oder im Alten erhalten werden muss, entsteht in vielen Fällen der extreme Wahnsinn mit der Vernichtung Andersdenkender. Der fanatische Glaube will in seiner Intoleranz andere unterwerfen und ist felsenfest von seiner Überlegenheit und der Bestimmung zu herrschen überzeugt.

Carlos, gefangen in den düsteren Mauern seiner Zeit, sucht und sehnt sich nach dem eigentlichen Grundgedanken von Religion: „Liebe“. Aufgewachsen in einem dahinbröckelnden  Staat, in der Religion nur mehr Unterwerfung und absolute Macht bedeutet, gibt es den Begriff der Liebe nicht mehr. Die in ihren Grundfesten schon längst völlig veraltete und reformbedürftige Kirche hat die Staatsmacht übernommen, ein strafender Richtergott beherrscht die Grundbedürfnisse des Menschen. Die Politik hat sich ganz und gar der monolithischen Macht der Kirche und deren „unantastbaren Glauben“ unterworfen.
Mauern werden errichtet, Bücher verbrannt, Juden, Moslems, Protestanten und Andersdenkende verfolgt und schließlich hingerichtet. Ist das Religion?

Die „Liebe des strafenden Gottes“ wird erkauft durch Ablassbriefe und Reliquiensammlungen, der Nachbar denunziert, um das eigene Überleben zu sichern. Die als  Schauspiel inszenierten Hinrichtungen steigern das Gemeinschaftsgefühl der Masse ins Unermessliche und solange man selbst nicht betroffen ist, triumphiert der Gedanke der Einzigartigkeit in einem fanatischen Glaubensziel. Ist das wirklich nur das 16. Jahrhundert?

Was für ein Wagnis, wenn Prinzessin Eboli in der Oper mit ihrem erotisch, maurischen „Lied vom Schleier“ einen Funken von Leben in den düsteren, versteinerten Alltag zu zaubern versucht!
Das Wort „Sarazenen“, dass sie dazu gebraucht (abwertende Bezeichnung für Araber und andere islamische Staaten) deutet trotzdem auf die allgemeine Ablehnung anderer Kulturen.
Rassenhass? Verletzung und Respektlosigkeit einer fremden Welt gegenüber?

Über allem liegt die gähnende Schwere einer düsteren Erbschaft, symbolisiert durch die Figur Karl V., der in unserer Inszenierung zur Hauptperson wird.
Karl V. – der, wenn die Überlieferung wahr ist, von Rabelais in der Gestalt des Habenichts und Händelstifters König Picrochole lächerlich gemacht wurde – wäre der Don Quijote des sterbenden Kaiserreichs gewesen. Indem er das Reich verteidigte, verteidigte er Europa und das römische Erbe, das die katholische Kirche eingeheimst hatte.
„Keine andere Monarchie ist dem Römischen Reich zu vergleichen, dem Jesus Christus selbst gehuldigt hat. Unglücklicherweise ist es heute nicht mehr Schatten von dem, was es war, aber ich hoffe, mit Hilfe der Länder und der Verbündeten, die Gott mir verliehen hat, es wieder zur alten Glorie zu erheben.“ (Karl V. auf dem ersten Reichstag zu Worms)
Zweifellos konnte er nicht begreifen, wie es möglich war, dass das Römische Kaiserreich, eine geschichtliche Tatsache seit der Weihnachtsmesse von 800 (Krönung Karl des Großen) nur noch eine leere Formel war, ein nichtiges Überbleibsel einer für immer überholten politisch- religiösen Idee; er begriff es nicht.
„...Ich lebt in eitlem Wahn, lebt in Hochmut und Sünde...“ (Der Mönch -Karl V. ,Don Carlo, Verdi)

Der Kampf gegen die Reformation war der große Fehlschlag im Leben Karl V. gewesen: nicht nur war es ihm nicht gelungen, der „Ketzerei“ Herr zu werden, sie hatte auch beständig alle seine Pläne durchkreuzt.

 „Ein einzelner Klosterbruder, der gegen alle Christenheit in tausend Jahren angeht, muss Unrecht haben. Daher bin ich entschlossen, meine Länder, meine Freunde, meinen Leib, mein Blut, mein Leben und meine Seele aufs Spiel zu setzen. Ich will gegen ihn als gegen einen verfluchten Ketzer vorgehen.“
(Karl V. am 17. April 1521 auf dem Reichstag in Worms)

Auf seinem Totenbett legte er seinem Sohn die Pflicht auf, den Kampf weiterzuführen, in dem er besiegt wurde: Alle Ketzer in seinen Staaten sollten aufgespürt und gestraft werden, ohne Ausnahme, ohne Gnade oder Mitleid, denn: „wenn ihr dies tut, so habt ihr meinen Segen und der Herr wird alle Eure Unternehmungen schützen“

Das schwere und unmenschliche „Erbe“ begräbt jeden aufkeimenden Neuerungsgedanken und zieht sich gleich zähem Schleim über das Leben Don Carlos und der gesamten Inszenierung:
Ein Zweikampf auf Leben und Tod mit dem Protestantismus und allen anders Denkenden, gleich einer korsischen Blutrache.
Ein Reich, das als Philipp II. die Regentschaft des spanischen Throns erhielt, zwar noch immer ein Reich war „über dem die Sonne nicht untergeht“, aber dessen Bruchstellen längst sichtbar und die Kräfte, welche zu einer entgültigen Zertrümmerung beitragen sollten, längst am Werk waren.
Und es gab noch ein drittes Erbe: Durch den geschlossenen Kreis von Ehebündnissen zwischen Blutsverwandten hatten sich die körperlichen und geistigen Schwächen eines zum Untergang verurteilten Geschlechts fortgepflanzt.

Das Geschenk unserer Ahnen: ein Rucksack voller Leichen. Freiheit und Leichtigkeit? Strukturierte festgefahrene Traditionen unserer Väter als „Liebe“ verpackt. Ist das  Menschlichkeit?

Der Großvater verfolgt Carlos. Der eigene Zusammenbruch wird dem Enkel als unausweichliche Tatsache aufoktroyiert. Wie eine Wahnvorstellung, die ihn nicht mehr loslässt wird der übersensible Carlos Gefangener dieser vernichtenden Erbschaft von Sinnlosigkeit. Gefangen in einer Welt in der, der Tod mehr zählt als das Leben sucht er nach Menschlichkeit, nach Halt, nach Wärme. Er sucht den Vater, die Mutter, er sucht ein Grundbedürfnis von Zuwendung und erkennt letztendlich erst durch Posas Tod, dass ihm allein die Fähigkeit gegeben wurde, die Bürde der Erbschaft aufzulösen  und die Welt ins Leben zurückzuholen. Nur da ist es dann auch schon zu spät.
(„Der Erde Weh und Schmerzen durchziehn des Klosters Mauern. Den wilden Kampf im Herzen beendet erst der Tod.“ Mönch-Karl V., Don Carlo, Verdi)

Selbst die Erfahrung der väterlichen Liebe nie gemacht zu haben, findet Philipp den Zugang zum hilfesuchenden Sohn nicht. Auch er ringt nach der Vaterliebe, letztendlich Ersatz suchend, in der ihm vom eigenen Vater aufgebürdeten  fanatischen Glaubensfrage. Was er findet ist Kälte und Leid. Durch seine große Sammelleidenschaft von Reliquien (eine Tatsache des historischen Philipps), die seine Gewölbe ausfüllen,  erhält er zwar die kirchliche Bestätigung seines Seelenfriedens im Jenseits, aber keinen Frieden im Diesseits.
„Gott schlug zu unsrem Heil den seinen (Sohn) an das Kreuz!“ (Inquisitor, Don Carlos - Verdi)
Er übernimmt die versteinerten Wünsche des über allem stehenden „Vaters“ und wird so selbst nach außen hin zu einem fundamentalistischen Glaubenskämpfer, auch wenn er im Innersten daran zerbricht
„Ich werde meine Haltung nicht ändern, und wenn ich die ganze Welt gegen mich hätte“ (Philipp II, 1565)
„Als er lieh meinem Haupte einst die Krone, mein Volk, gelobt ich Gott dafür zum Lohne den Tod der Ketzer mit Feuer und mit Schwert!“ (Philipp, Don Carlo – Verdi)

Der einzige Lichtblick für Vater wie Sohn heißt „Elisabeth“. Der Inbegriff von Wärme und Lebendigkeit! Doch auch sie verliert in der atemberaubenden Verwesungsluft ihre Lebensfreude. Das Opfer ihrer Selbstaufgabe, das sie für Frieden und Freiheit ihres Volkes gab, zeigt schon bald seine Sinnlosigkeit.  Die Liebe verloren, vegetiert sie in den auferlegten Strukturen dahin. Auch durch ihre „edle Gesinnung“ kann sie den nach Liebe ausgehungerten Philipp nicht befriedigen. Rasende Eifersucht gibt der Vater-Sohn Beziehung schließlich den letzten Dolchstoß.

Der zweite Halt für Vater und Sohn liegt in dem Gefühl, „Freundschaft“ empfinden zu können. Etwas, das in einem Staat dieser Funktion unerreichbar ist. Überlebenskampf und Denunzierung ist an der Tagesordnung.
Posas Stärke und Menschenliebe erschüttert das alte Gebäude und lässt neue Gefühle wie „Hoffnung“ und „Zuversicht“ einkehren. Don Carlos hält sich an dem Weltverbesserungs- und Freiheitsgedanken Posas fest, der ihm Kraft zu geben scheint und die Idee, endlich aus der Umklammerung eines harten, dogmatisch starren und in einem verkrusteten Welt- und Menschenbild verhafteten Vaters ausbrechen zu können.
Doch auch Philipp wird durch Posas Emotionalität in seinen Grundfesten ins Wanken gebracht. Die Maske des unantastbaren „Vaters“ in beiderlei Hinsicht  beginnt zu bröckeln, als ihm die letzte Wärme entrissen wird.
„Das mir vergehn die trüben Tage dieses Lebens, sucht ich am Hofe hier, was längst ich wünscht vergebens: einen Menschen, ein offnes Herz!“( Philipp, Don Carlo – Verdi)
« Was soll ein Mensch dir ?…Zerbrechen möchtest du mit deiner schwachen Hand das heil’ge Joch der Kirche, das die Erd umspannt! Besinn dich deiner Pflicht!...“ (Inquisitor, Don Carlo – Verdi)

Das Kreuz, an sich in seiner Urform ein Symbol der Kraft, als zweifache Verbindung diametral entgegengesetzter Punkte, das Sinnbild der Einheit von Extremen (z.B. Himmel und Erde), der Synthese und des Maßes, wird zum Mordwerkzeug.
Welche Ironie, dass es eigentlich als Symbol in praktisch allen Kulturen in Religion, Kunst und Architektur zu finden ist. Das Kreuz steht für die Verbindung der vier Himmelsrichtungen und mit ihnen der vier Winde, die, die Koordination für das gesamte Leben auf Erden bilden., also Gleichstellung aller Religionen beinhaltet. Toleranz, Achtung und....Liebe!
Vier widerspenst´ge Tiere ziehn den Weltenwagen-
Du zügelst sie, sie sind an Deinen Zäumen Eines.
So formt Rückert einen Gedanken Rumis (islamischer Mystiker des 12. Jahrh.) aus, in dem die vier Tiere der biblischen Visionen und der Apokalypse mit den vier Elementen verbunden werden, deren weltliche Kraft sich vor Gott, dem Einen, beugen muss.
In frühester Architektur wusste man, dass Kreuze, Quadrate, ein Mehrfaches von Vier und Spiralen über weite Distanzen die Energie haben, zu unterdrücken und die günstigsten Bedingungen zum Schutz von Menschen und Heiligtümern schaffen. Diese kann genauso gut für negative Zwecke gebraucht werden, wie durch das Naziregime bekannt ist, die, die Swastika, das Hakenkreuz als unterdrückendes Kraftsymbol benützten.

Hier wird das Kreuz zum Idol, zu einem höhergesetzten Traum, in dem jeder seine Zuflucht sucht und letztendlich nicht finden kann, weil der Grundgedanke der Religion sich in Machtbesessenheit umgewandelt hat. Wie ein blutiges Schwert erscheint es zurückweisend, kalt und lieblos,  als Büßerhemd dem Gläubigen verkauft. Es steht zwischen dem Menschen und seiner Suche nach Liebe. Die Unterdrückung, der Tod hat sich vor das Leben gestellt.

Das Ringen nach Freiheit und menschlicher Wärme zieht sich durch das gesamte Werk und wird immer stärker und leidenschaftlicher, je deutlicher wird, dass „Freiheit“ zur leeren Hülse verkommt.
Immer steht das Kreuz in seiner Unmenschlichkeit zwischen den Akteuren, dessen höhergestelltes, von der Kirche verzerrtes Idealbild Abhängigkeiten formt.
Was folgt ist unausweichlich:
Krieg statt Nächstenliebe. Fanatismus statt Gnade. Tod statt Lebendigkeit.